El Paquete Semanal oder: Videothek auf kubanisch

Wenn ihr mit Kubanern reden werdet ihr merken, dass die Kubaner genauso Serienjunkies sind wie wir und so ziemlich alle Serien kennen, die wir auch hier bei Netflix und Co. sehen können. Nun gibt es in Kuba natürlich kein Netflix, also wie kommt das? Es gibt ja noch nicht mal Internet – also jedenfalls nicht für Streaming, denn dafür reicht das Internet an den öffentlichen WLAN-Hotspots natürlich nicht aus.

Auch die neuesten Songs sind auf Kuba verbreitet, obwohl sie nicht im Radio gespielt werden – zu viele Regueton-Texte, die nicht jugendfrei sind 😀

Ja es geht noch nicht mal nur um Serien und Musik, sondern die Smartphones haben alle Apps, die man braucht, wenn man schon kein Internet hat, und für die Notebooks gibt es die neueste Software, von Office bis zum Ego Shooter.

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El Paquete Semanal ist die Mutter aller Unterhaltung

Werbung für El Paquete an einer Hauswand (Quelle: The Pirate Book)

Wo bekommen die Kubaner nun all die Filme, die Serien, die Software her? Ganz einfach, in Kuba gibt es ein offline Internet: El Paquete Semanal – das wöchentliche Paket!

Da einige Kubaner einen schnellen Internetzugang haben, in der Firma beispielsweise, in der Uni, oder sie arbeiten direkt beim Internet Provider, gibt es natürlich Leute, die all dies herunterladen können, ebenso importieren einige die Inhalte über mitgebrachte Festplatten. Andere haben DVDs, die gerippt werden. Und daraus haben die Cubaner ein Geschäftsmodell gemacht, was mir als Entrepreneurship Dozent das Herz aufgehen lässt – auch, wenn es selbstverständlich illegal ist. Es wird also an entsprechenden Stellen alles geladen, was in Kuba von Interesse sein kann und international erfolgreich ist.

Jede Woche 1 Terabyte an frischen Daten

Eine gute Doku gibt es auf Vox.com (in Englisch)

Das Paquete enthält alles, was das Herz begehrt: Filme, TV-Sendungen, Dokus, koreanische Seifenopern (die Kubaner lieben die!), Musik, Comics, diverse Software (Spiele, Anti-Virus, Apps…), Offline-Versionen von Revolico, Zeitschriften im PDF-Format, Sprachkurse, aber auch ganze Websites – eine unglaubliche Infastrukturleistung in einem Land, das kein schnelles, aber dafür teures Internet besitzt, nicht nur aus Distributionssicht: wenn ein Film am Freitag in die Kinos kommt, ist er am Montag im Paquete.

 

Wie funktioniert es und was kostet es?

Das Paquete wird seit ca. 2008 über ganz Cuba verteilt, typischerweise im Hinterzimmer von Computerbuden, Mobilfunkläden etc. In solchen Geschäften fällt es nicht so auf, wenn man mit einer Festplatte in den Laden geht. Und dort kann man sich dann mit seinem USB-Stick einzelne Serien, Filme etc. kopieren lassen – kaum jemand nimmt das ganze Paket. Andere lassen sich das Paquete nach Hause liefern.

Woher kommt der Gewinn?

Wer jetzt denkt, der Verkauf sei die Haupteinnahmequelle für das Paquete, der irrt. Denn das meiste Geld kommt tatsächlich von Werbung, einerseits in direkter Form – Werbeunterbrecher werden zwischen die Filme geschnitten, ganz so wie bei uns im Fernsehen. Oder aber, zum Hauptteil, durch die Platzierung bestimmter Künstler in den Playlists mit ihrer Musik, ihren Videos und ihren Tourdaten. Und diese Playlists bekommt jeder zwangsläufig, wenn er das Paquete kauft. Das macht El Paquete quasi zur einzigen landesweiten Möglichkeit, bestimmte Künstler zu promoten, die im Fernsehen und Radio und international (noch) nicht gespielt werden.

Einige Zahlen: das Internetmagazin Vistar zahlt 150 CUC um über das Paquete verteilt zu werden, ein neuer Künstler 20 CUC für die guten Positionen.

Inzwischen gibt es sogar eigene Werbeagenturen, die sich auf die Vermarktung über El Paquete spezialisiert haben.

La Diosa singt: „Wenn du nicht im Paquete bist, dann existierst du nicht.“

Die Produktion

Jeden Donnerstag treffen sich die verschiedenen Content-Ersteller, 3 bis 5 Leute, und stellen mit ihren Inhalten das Paket zusammen, die sie aus den diversen Quellen haben: Downloads, Bootlegs, Freunde aus Miami. Daraus wird das Paket geschnürt. Am Abend klopfen die ersten Verteiler an, die sich das gesamte Paket laden und selbst weiterverkaufen.

In Havanna soll es sogar zwei verschiedene Anbieter geben: mehr verkauft der, der die besten Sachen im Angebot hat.

Was kostet das Paquete

Der Preis startet am ersten Tag der Distribution für die gesamten Daten mit 5 CUC, jeden Tag verliert der Inhalt an Wert und am Montag lässt sich der Terabyte schon für 1 CUC erwerben – nicht unbedingt wenig für einen Kubaner, aber leistbar (anderen Quellen geben andere Preise, deshalb hier die Preise nur, damit ihr eine Vorstellung habt.)

El Paquete – gesteuert von der Regierung?

El Paquete beinhaltet keine regierungskritischen Inhalte und keine Pornos. Das hat einige Leute zu der Annahme verleitet, dass das Paket von der Regierung gesteuert sein könnte. Nun ja, wie heißt es so schön: die Frage ist nicht, bist du paranoid, sondern bist du paranoid genug? 😉 Schauen wir uns mal die Fakten an:

  1. Viele Inhalte des Paquete werden in staatlichen Stellen downgeloaded. Die Accounts der Mitarbeiter werden einmal pro Monat gecheckt, d.h. es wird geschaut, auf welchen Seiten die Leute unterwegs waren. Sollten diese Seiten gegen die Regeln verstoßen, wird den Mitarbeitern der Internetzugang gestrichen. Serien und Filme sind toleriert, Porno und Kritik nicht. Da niemand leichtfertig sein Einkommen – und seinen Job – riskieren will, werden entsprechende Sachen eben nicht geladen.
  2. Dann wäre da noch die Sache mit der Legalität: der Verkauf des Paquetes ist illegal, aber die Behörden tolerieren ihn weitestgehend – wohl auch, da sie das Verkaufen der neusten Filme eher als Kavaliersdelikt einstufen. Der Verkauf von Porno und Propaganda wird da schon ganz anders gesehen – die Wahrscheinlichkeit, dass die Staatsmacht dafür ein Auge zudrückt, ist deutlich geringer. Also lässt man die Finger lieber davon.
  3. Außerdem: was hat der Staat zu gewinnen, wenn er selbst etwas Illegales macht? Außer der Volksbelustigung nicht viel. Ihm entgehen Steuereinnahmen, die Moral sinkt und es entstehen unkontrollierte Strukturen. Zumal der kubanische Staat auch schon versucht hat, ein offizielles Paquete herauszugeben, El Maletín, mit „offiziellen“ Filmen, Musik und Bildungsprogramm, die natürlich nicht so gut ankamen 😉 (The Pirate Book, PDF). Die Volksbelustigung könnte der Staat also leichter und gewinnbringender offiziell organisieren.
  4. Umgehung von Copyright: die kubanische Regierung kümmert sich eh nicht ums Copyright. Die US-Filme (und einige andere), die im Fernsehen gezeigt werden, sind nicht offiziell lizenziert. Die Vermeidung von Gebühren kann deshalb auch kein Grund für die inoffizielle Distribution sein.

Meines Erachtens handelt es sich also bei der Idee, der Staat gibt das Paquete heraus, um eine klassische Verschwörungstheorie. Das Fehlen von Porno und Kritik lassen sich viel einfacher über die obigen Punkte begründen – Occams Rasiermesser, ihr wisst schon 😀

Fazit

Warum ihr auch mit Kubanern jederzeit über die neusten Filme und Serien reden könnt, warum es überall die neusten Hits zu hören gibt, liegt am Paquete Semanal. Damit sind die Kubaner an den internationalen Unterhaltungsmarkt angeschlossen. El Paquete gehört inzwischen so zur kubanischen Kultur, dass sogar schon wissenschaftliche Arbeiten über die Inhalte geschrieben werden.

Sollte der Internetzugang in Cuba irgendwann einmal schneller und günstiger werden, dann würde eine Institution aussterben, ähnlich den Videotheken bei uns. So sehen es übrigens auch die als Einnahmequelle wichtigen Werber: einige zwacken inzwischen schon CUC für digitale Werbung ab, um sich nicht mehr alleine auf das Paket zu verlassen.

Salduos desde Berlin,
Dietmar

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PPS: Hier die Vox.com Doku über das Paquete (in Englisch)

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